Canon Event: Was Spider-Man darüber verstanden hat, wie man ein Mensch wird

Über einen Begriff aus einem Animationsfilm, der zum Ehrlichsten wurde, was das Internet je übers Erwachsenwerden gesagt hat.


In Spider-Man: Across the Spider-Verse aus dem Jahr 2023 steht ein Spider-Man aus dem Jahr 2099, Miguel O'Hara, vor einer Wand aus Bildschirmen und erklärt Miles Morales die Regeln. Jede Version von Spider-Man, in jedem Universum, verliert jemanden. Einen Onkel. Einen Polizeichef, der ihm nahestand. Diese Momente sind fix. Er nennt sie Canon Events, und er sagt, wer einen davon verhindert, kann eine ganze Welt zum Einsturz bringen. Miles hat gerade begriffen, dass sein eigener Vater kurz davor ist, Polizeichef zu werden. Und ein Mann mit sehr ernstem Gesicht erklärt ihm, das Verantwortungsvolle sei, es geschehen zu lassen.


Der Film, geschrieben von Phil Lord, Christopher Miller und David Callaham, nimmt die Idee ernst. Das Internet nicht. Noch im selben Sommer verliess „Canon Event“ das Kino und wurde zur Bildunterschrift. Der missratene Haarschnitt mit neunzehn. Die WG mit der Person, die ihren Joghurt beschriftet hat. Das Festival, auf dem dir jemand um vier Uhr morgens auf einer Wiese das Herz gebrochen hat. Per SMS verlassen werden. Das letzte Tram verpassen und mit den Schuhen in der Hand quer durch Zürich nach Hause laufen. Ist ein Canon Event, schrieben die Leute. Lass es passieren.

Der Witz funktionierte, weil er etwas aussprach, das in der Selbstoptimierungsabteilung niemand sagt. Manche der schlimmsten Dinge, die dir passieren, sind keine Umwege. Sie sind die Handlung.


Die Psychologie kam ohne Multiversum zu einer ähnlichen Idee. Dan McAdams von der Northwestern University erforscht seit Jahrzehnten, was er narrative Identität nennt: die verinnerlichte, sich ständig verändernde Geschichte, die ein Mensch darüber erzählt, wie er zu dem wurde, der er ist. Seine Arbeit legt nicht nahe, dass gute Leben ohne Tiefpunkte auskommen. Sie legt nahe, dass die Menschen, die in ihrem Leben am meisten zu Hause wirken, ihre Tiefpunkte benennen können und erzählen können, was danach kam. Der Tiefpunkt ist tragend. Nimm ihn raus, und die Geschichte wird nicht glücklicher. Sie wird dünner.

Ein zweiter Befund ist leiser. Frag ältere Menschen nach den Erinnerungen, die ihnen am meisten bedeuten, und sie greifen überproportional zu den Jahren zwischen etwa zehn und dreissig. Forschende wie David Rubin nennen das den Reminiscence Bump. Eine Erklärung lautet: Das sind die Jahre der ersten Male. Die erste Wohnung, der erste Job, die erste Person, an die du nicht aufhören konntest zu denken, das erste Mal, dass etwas gründlich schiefging und du derjenige oder diejenige warst, die damit klarkommen musste. Das Gedächtnis behält genau das, weil in diesen Momenten ein Selbst zusammengesetzt wurde. Niemandes Reminiscence Bump besteht aus Abenden, an denen man zu Hause blieb, um den Schlaf-Score zu schützen.


Und genau da liegt das Problem. Die Longevity-Kultur ist ein Vermeidungsprojekt, das sich als Verbesserungsprojekt ausgibt. Ihr Versprechen: Mit genug Daten, genug Supplements und genug Disziplin kannst du die schlechte Nacht umfahren, die falsche Entscheidung, den Kater, den Liebeskummer, das Risiko. Jedes unvorhersehbare Ereignis wird zur Bedrohung umgedeutet, die es zu minimieren gilt. Es ist Miguel O'Haras Bildschirmwand mit umgekehrtem Zweck: nicht den Kanon schützen, sondern ihn löschen.

Das Problem ist, dass ein Leben, aus dem jedes Canon Event herausgerechnet wurde, keine sicherere Version desselben Lebens ist. Es ist ein anderes, kleineres. Du wirst nicht zu der Person, die die furchtbare WG überlebt hat, indem du nie in einer wohnst. Du bleibst jemand, der diese Person noch nicht kennengelernt hat und es jetzt auch nie wird.


Es lohnt sich, genau hinzuschauen, was der Film eigentlich sagt, denn ganz so einfach wie Schicksal ist es nicht. Miles weigert sich. Er sagt, er macht sein eigenes Ding, und die Geschichte steht klar auf seiner Seite. Er lehnt nicht die Vorstellung ab, dass ihm Dinge passieren werden. Er lehnt die Vorstellung ab, dass jemand anderes aus einem Kontrollraum für ihn entscheidet, welche.

Das ist die Unterscheidung, auf die es ankommt. Niemand sollte nach Trauer suchen, und das Meme war in diesem Punkt immer gnädiger als der Film. Die Canon Events, die es wert sind, verteidigt zu werden, sind nicht die Tragödien, die für dich vorgesehen sind. Es sind die Schlamassel, in die du mit offenen Augen hineinläufst. Der Umzug in eine Stadt, in der du niemanden kennst. Die Person, die ganz offensichtlich eine schlechte Idee ist. Die lange Nacht, die zu einer Geschichte wird, die du mit sechzig noch erzählst. Der Plan sagt nein. Die Person, die du noch nicht geworden bist, sagt los.


Irgendwann schaust du zurück und merkst, dass die Teile deines Lebens, die du am wenigsten wiederholen willst, genau die sind, die du am wenigsten verlieren willst. Das ist kein Paradox. So entsteht ein Mensch. Jedes System, das dir verspricht, dich vor dem Unerwarteten zu schützen, verspricht dir leise auch, dass du genau so bleibst, wie du bist. Um ein Canon Event kannst du dich nicht herumoptimieren. Du kannst nur vermeiden, du selbst zu werden.

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